asp / Autohaus Spezial Mai 2009: Im Wandel

Die neue Klimaschutzverordnung wird den Klimaservice in der Werkstatt revolutionieren. Für viele Betriebe heißt es umdenken und alte Praktiken über Bord werfen. 
Das stressfreie Autofahren im angenehmen Wohlfühlklima ist nicht umsonst. Der Komfort moderner Fahrzeugklimasysteme kostet eine Menge Energie. 
Denn: Eine Fahrzeugklimaanlage entzieht der Luft im Hochsommer so viel Wärmenergie ( für die Kühlung des Fahrzeuginnenraums ), dass man damit im Winter ein modernes Einfamilienhaus mit Warmwasseraufbereitung heizen könnte! Fahrzeugklimaanlagen tragen also ganz erheblich zur Verschlechterung der Ökobilanz eines Autos bei. Und: Neben dem höheren Spritverbrauch ist der Verlust von Kältemittel aus der Fahrzeugklimaanlage ein ernstes Umweltproblem.
Enormes Potenzial
Die Bundesregierung hat  deshalb  im August 2008 eine neue Chemikalien Klimaschutzverordnung erlassen. Darin werden Fahrzeughersteller und Werkstätten gleichermaßen angehalten, die Treibhausgasemissionen zu senken.
Bedenkt man die neue gesetzliche Leckageobergrenze der EU von 40 Gramm Kältemittel pro Jahr ( bei einem Einverdampfersystem ) und geht davon aus, dass rund 50 Prozent des Fahrzeugbestandes ( 20,5 Mio. ) mit Klimaanlagen ausgerüstet sind, summiert sich die Leckagen auf 820 Tonnen Kältemittel pro Jahr! Da das heute übliche Kältemittel R134a rund 1.300-mal schädlicher ist als das natürliche Treibhausgas CO2, entstehen  durch Leckage der 820 Tonnen Kältemittel rund eine Million Tonnen CO2 pro Jahr in Deutschland! Unberücksichtigt sind dabei die Verluste durch Unfälle und Reparaturarbeiten an Fahrzeugklimaanlagen.

Die Fahrzeughersteller sind deshalb nach der neuen Klimaschutzverordnung gezwungen, ab 2011 Kältemittel zu verwenden, die weniger Treibhausgas fördern. Innerhalb des Verbands der deutschen Automobilindustrie ( VDA ) hat man sich bereits 2007 auf das Kältemittel R744 ( CO2 ) festgelegt. Von Seiten der Kältemittelindustrie wird dagegen auf ein neues chemisches Kältemittel mit der Bezeichnung HFO-1234yf gedrängt. Dieses Kältemittel ist im Druck und Temperaturverhältnis ähnlich dem aktuellen R134a und kann ohne großen technischen Aufwand in vorhandenen R134a Klimasystemen Verwendung finden. Nachteil bei HFO-1234yf ist die Entflammbarkeit des Kältemittels und darauf pochen vor allem die Gegner dieses Produkts
 
Neuer Nachweis erforderlich
Werkstätten dürfen also auf zwei weitere Klimaservicegeräte sparen. Denn das heutige R134a-Gerät wird weiter benötigt, weil es keinen Umrüstzwang für die aktuellen Klimaanlagen gibt und ein Verbot erst ab 2017 ansteht. Daneben wird es Fahrzeuge geben, die mit R744 (CO2 ) vom Band rollen. Bei der großen Masse von Fahrzeugen ist die Verwendung von HFO-1234f zu erwarten, weil es die gesetzlichen Bestimmungen erfüllt und für die vorhandene ( günstige  Klimaanlagen ) passt.
Neben diesen Gegebenheiten müssen sich Werkstätten auf den neuen EU-Sachkundennachweis einstellen, der bis Juni 2010 zu absolvieren ist. Der Nachweis ist für alle Servicemitarbeiter vorgeschrieben, die an Fahrzeugklimaanlagen arbeiten. In der Schulung wird gemäß der EG-Verordnung 307/2008 besonders auf die Umweltgefährdung von R134a hingewiesen und vermittelt, wie beim Klimaservice und bei Reparaturen der Klimaanlage der Ausstoß von Kältemittelgasen reduziert werden kann.
Beispielsweise ist es nach der neuen Klimaschutzverordnung streng verboten, in undichte bzw. drucklose Fahrzeugklimaanlagen R134a einzufüllen. Grund: Durch ein Leck im System könnte das Kältemittel ungehindert austreten.
Hält sich die Werkstatt künftig nicht an dieses Regularium, drohen Bußgelder bis zu 50.000 Euro!
Die Werkstatt ist gesetzlich verpflichtet, erst die Undichtigkeit der Klimaanlage zu beseitigen.
Doch wie findet man ein Loch? Die herkömmliche Leckageortung mittels UV-Kontrastmittel lässt sich bei drucklosen Klimaanlagen nicht mehr anwenden. Um den Anforderungen des Gesetzgebers gerecht zu werden, sind also Alternativen zur Leckageortung notwendig. Ergänzend sei hier zunächst erklärt, dass die Leckageortung mittels Flüssigkeit ( UV-Kontrastmittel ) nur bis zu einer mittelgroßen Undichtigkeit einsetzbar ist. Denn eine Flüssigkeit weist eine wesentlich größere Dichte auf als Gas. So ist R134a bei einer Normtemperatur von 0 °C im flüssigen Zustand 80-mal dichter als im gasförmigen Zustand. Da das Kältemittel bei kleinen und kleinsten Undichtigkeiten nur gasförmig aus der Klimaanlage entweicht, sollte man nur mit einem Gas nach der Leckage suchen.
 
Neue Suchwege
Das R134a Gasspürgerät hat ähnliche Nachteile. Denn eine Leckageortung kann hier nur erfolgen, wenn Kältemittel R134a im System vorhanden ist. Die Alternative Stickstoff plus Gasspürgerät zur Leckageortung ist ebenfalls sinnlos, da Stickstoff Hauptbestandteil der Luft ist. Undichtigkeiten lassen sich daher nur per Lecksuchspray aufspüren, wobei dies bei modernen Fahrzeugen wegen der Zugänglichkeit schnell an Grenzen stößt.
Als neue, kostengünstige und effiziente Möglichkeit erweist sich die Leckageortung mittels Formiergas, da es zu 95 Prozent aus Stickstoff und zu fünf Prozent aus Wasserstoff besteht. Mit bis zu 15 bar in die undichte Klimaanlage gedrückt, ist die Leckage schnell per selektiven Gasspürgerät ( das nur auf Wasserstoff reagiert ) zuorten. Diese Methode ist zudem sehr umweltfreundlich und hat den Vorteil, dass Wasserstoff als kleinstes Atom durch kleinste Leckagen in höheren Konzentrationen dringt als das eigentliche Kältemittel R134a. Bisherige Praktiken nach der Devise: Wir füllen die Klimaanlage mit Lecksuchmittel, und wenn sie nicht mehr kühlt, suchen wir per UV-Lampe, sind damit endgültig vom Tisch – oder werden sehr teuer.
Enge Toleranz

Gerade in kalten Wintern, in denen große Mengen Taumittel auf die Straße kommen, sind mehr undichte Klimaanlagen zu erwarten. Grund dafür ist die verstärkte Oxidation des Aluminiums an Klimabauteilen durch salziges Wasser. Werkstätten sollten also bei jedem Kundenfahrzeug mit leerer beziehungsweise druckloser Klimaanlage erst eine Leckageortung zum Fixpreis anbieten, um anschließend die Anlagenreparatur inklusive Trockner und Füllung zu verkaufen.

Neben den gesetzlichen Änderungen nach Umwelteinflüssen erfordert auch die Effizienzsteigerung der Klimasysteme eine neue Ausrichtung der Werkstatt. So konnten die Zulieferer in den letzten Jahren mit neuen Wärmetauschern das Volumen der Klimaanlage bei gleichem Wirkungsgrad deutlich senken. Einher gingen Kältemittelfüllungen im Bereich von 500 Gramm mit einer Toleranz von +/- 15 Gramm. In den USA ist deshalb seit 1. Januar 2008 die neue Norm SAE J-2788 für Klimaservicegeräte neuster Generation verpflichtend vorgeschrieben.

Nach der neuen Norm müssen die Geräte 95 Prozent des in der Klimaanlage enthaltenen Gases zurück gewinnen! Außerdem darf die Fülltoleranz maximal 14 Gramm ( 0,5 Unzen ) nicht übersteigen. Die meisten europäischen Automobilhersteller haben diese Norm für die Freigabeprozedur neuer Klimaservicegeräte übernommen. Womit wir gleich beim Problem wären: Derzeitige Klimaservicegeräte saugen höchstens 75 bis 80 Prozent des Kältemittels ab und füllen mit einer Toleranz von +/- 50 Gramm. Im Extremfall – wenn die Nullpunktjustage eines Klimaservicegerätes nicht regelmäßig durchgeführt wird – sind Toleranzen bis 150 Gramm keine Seltenheit! Mehr Aufmerksamkeit auf die Toleranz beim vorhandenen oder Kauf eines neuen Klimaservicegerätes ist daher jeder Werkstatt sehr zu empfehlen.

Neben allen Neuerungen, Richtlinien und Genauigkeiten ist dem Ganzen auch etwas positives abzugewinnen; So wird durch die geringere Füllmenge bei gleicher Leckagequote die kritische Untergrenze des Kältemittels in der Klimaanlage im Schnitt zwei Jahre früher erreicht.
Besser aufpassen.

Folglich erhöhen sich die Zahl notwendiger Klimaserviceaufenthalte für den Autofahrer und das Umsatzpotenzial der Werkstatt. Tipp: Bieten Sie Ihren Kunden einen jährlichen Klimaservice an, bei dem die Klimaanlage auf Funktion geprüft, der Verdampfer desinfiziert und der Pollenfilter getauscht wird. Alle zwei Jahre wird zusätzlich die Kältemittelfüllmenge ergänzt. Und sollte die Klimaanlage tatsächlich drucklos sein, erfolgt als Erstes eine umweltschonende Leckageortung zum Fixpreis.